2007-10-10

2 Tage Heimaturlaub

6 Stunden Fahrt. Idylische Landschaften entlang der Bahnstrecke. Auf der Reise durchquere ich eine Mischung aus kleinen und mittelgroßen modernisierten oder abgewrackten Bahnhöfe. Der ICE fährt mittlerweile sogar zwischen Frankfurt am Main (Flughafen) und Weimar.

Ich war in der Heimat. In Gera. In Thüringen.

Ich war jetzt wie lange nichtmehr da? Ich hätte auf 6 Jahre getippt. Meine Frau Mama hat mich aber darauf hingewiesen das ich doch erst 5 Jahre abwesend war. Irgendwo muss ich da was verdrängt haben.

Nun, aber es war nett. 2 Tage reichten aber vollkommen. Ich weis, das liest sich beschämend, das man(n) nach so vielen Jahren nur 2 Tage erübrigt. Aber … nunja, ich sag einfach, es reicht aus ;).

Da bin ich also wieder in meiner Heimatstadt. Ich wohn und lebe mittlerweile zwar in Köln und würde die Rheinmetropole auch meine Heimat nennen, aber der Geburtsort ist ja auch irgendwo noch Heimat. Egal wie heruntergekommen oder uninteressant dieser auch ist.

Da war ich also und hab mich in der Stadt umgesehen. Dabei hab ich mir auch die Frage gestellt, was fehlt Gera was andere Städte haben um den Aufschwung vorran zu treiben. Ich hab dann einfach mal Köln und das umliegende Landvolk als Vergleich genommen.

Industrie oder Tourismus sind für mich 2 wichtige Punkte für den langfristigen Puls einer Stadt. Köln hat beides, Gera nicht (mehr). Dabei war Gera früher mal eine beliebte Industriestadt. Sogar zu Beginn des letzten Jahrhunderts, also vor dem Krieg, die 5. reichste Stadt Deutschlands. Wer das nicht glaubt, kann gern mal vorbeischaun und die Leute nach den riesigen Villen Fragen, die man an jeder Ecke renoviert oder unrenoviert findet. Dies sind zumeist die Bauten früherer Industrieller, die hier ihre Werke hatten. Aber das ist leider lange vorbei. Schon vor der Wende.

Köln -Industrie

Was hat Köln eigentlich an Industrie? Ich habe eigentlich keine Ahnung *g*. Mir fallen spontan an großen Werken nur die Fordwerke ein (Schwerindustrie). Bayer (Chemie) hat sicherlich den ein oder anderen Krakenarm auch hier. Der Gerling Konzern (Versicherung) ist hier noch beheimatet. Der Schiffsverkehr darf nicht vergessen werden. Dazu dutzende Bierbrauerein, Finanzinstitute und die Medienhäuser.

Köln - Tourismus

Tja, an Unterhaltung und Kultur mangelt es hier auch nicht. Sicher, Köln ist ein wenig älter als Gera, aber ich behaupte mal an älteren Bauten steht in Gera mehr.

Aber wo schlägt in Köln der Puls, der den Tourismus am laufen hält. Sportereignisse (Fussball, Eishockey) gehören sicher dazu, egal wie beschissen die Kerle spielen ;). Das mobilisiert das Volk immer. Der Rhein wird auch wie blöde hoch und runter geschippert. Vornehmlich von den älteren Herrschaften. Der Dom ist unübersehbar und zusammen mit älteren römisch-katholischen Kirchen immer ein Anziehungspunkt. Mehr als ein Museum steht hier, Theater und auch eine Oper. Das ist nicht schlecht.

Von diesen Punkten mal abgesehen, die Rheinländer sind freundlicher als die Gerschen. Das ist kein Vorurteil, das ist ein Fakt. Ich habe mich ewig nichtmehr so unwohl in einer Stadt gefühlt. Hauptsächlich das ständige Genörgel an der Wirtschaftslage ging mir nach kurzer Zeit tierisch auf die Eier.

Irgendein Comedian reist ständig witze über das Genörgel in den (neuen) Bundesländern. Ich empfand es immer als witzig das zu sehen, aber der Kerl hat recht. Selbst in den langweiligsten und abgefucktesten Vierteln in Köln wird nicht so gemeckert.

So, was aber, vom Temperament abgesehen, hat Gera zu bieten.

Industriell hab ich keine Ahnung, aber ich vermute einfach mal ausser einiger Gewerbeparks mit vornehmlich mittelständischen Unternehmen, nicht all zu viel. In der näheren Umgebung gibt es noch Köstritz mit dem gleichnamigen Schwarzbier.

Und Touristik. Nunja, da gibt es die Höhler unterhalb von Gera. Das sind langverzweigte Tunnel unterhalb der halben Innenstadt (Altstadt), die noch aus dem späten Mittelalter stammen (?). Gut erhalten, besuchbar und immer wieder faszinierend. Jedoch nichts für jemanden mit Platzangst.

Dann hat Gera noch wunderschöne Architekturen aus der Gründerzeit zu bieten. Nicht ganz so alt wie eine römische Stadtmauer, aber trotzdem nach dem ganzen gebombe vor einigen Jahren, nichtmehr oft anzufinden und zu einem Großteil sehr gut hergerichtet. Gera hat, wie es sich für eine thüringische Stadt gehört, auch noch eine Burg (heute “Schloss Osterstein”) . Leider nichtmehr im vollen Umfang erhalten, aber für Schloss und Burgfans sicherlich einen Abstecher wert. Auch weil es im Umland von Gera nur so von ähnlichen Anlagen wimmelt (Ronneburg, Schloss Posterstein) .

Otto Dix kam von hier, und sein Geburtshaus steht noch immer. Jetzt als Museum am Fusse von Schloss Osterstein. Unser ganz eigener, kleiner “Goethe” ;). Ganz in der Nähe steht dann noch die Orangerie, die wohl als Kunstausstellung dient. Eine seeeehr schöne Anlage. Und direkt dahinter steht das Theater von Gera, das, so wurde ich heute belehrt, zu den größten und beliebtesten Theaterhäusern Thüringens zählt und mit seinen jährlichen Besucherzahlen locker bundesweit mithalten kann. Das ist doch was.

Und das Stadt- sowie Naturkundemuseum gibt es auch noch.

Oh, bei Naturkundemuseum fällt mir direkt noch das ein oder andere Schmankerl ein. Gera hat sehr, sehr schöne Kirchenbauten. Wikipedia sagt zwar 3, mir selbst fallen leider nur 2 ein die ich bei meinem Besuch auch noch gesehen hatte. Das wäre zunächst die Johanniskirche, die mir auf dem Weg vom Bahnhof zur Einkaufsmeile “Sorge” wieder begegnete. Ein riesiger Bau. Als Kind war diese mindestens genauso beeindruckend wie für Erwachsene der Kölner Dom.

Und dann gibt es da noch die St.-Salvator-Kirche. Ebenfalls ein schöner Bau, der passend auf dem höchsten Punkt der Altstadt liegt. Nicht zu übersehen.

Die Bundesgartenschau 2007, die von Gera und Ronneburg ausgerichtet wurde, soll hier auch nur mal kurz erwähnt werden. In deren Rahmen wurde das Land zwischen Gera und Ronneburg, einschliesslich die alten Tagebaugruben, komplett und wunderschön umgegraben und im Stile einer BUGA verschönt. Ich bin gespannt was mit diesen Anlagen passiert, wenn die BUGA Ende dieser Woche vorbei ist.

Im Fazit gibt es in Gera nicht so viel wie in Köln, aber das was es gibt ist ein (oder zwei, oder drei) Besuche wert. Touristen, die auf Städtereisen stehen, sollten vorbei schaun. Mehr als eine Woche benötigt man vielleicht nicht, um sich alles in Ruhe anzusehen. Aber es wäre eine gut gefüllte, gemütliche Woche ;).

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